Weltweit befürchten Medienkonzerne, dass ihnen durch das Filesharing massenhaft Gewinne entgehen. Gegen die in den Augen vieler Menschen zu weit gehenden Bestrebungen, die Weitergabe von Medieninhalten, insbesondere in digitaler Form, immer strenger zu verfolgen, richten sich die Aktivitäten von „digitalen Freiheitskämpfern“, die gemeinhin als Hacker oder Datenpiraten bezeichnet werden bzw. sich selbst so nennen.
Die „Missionarische Kirche des Kopimismus“
Solchen Datenfreiheitskämpfern ist nun in Schweden eine interessante Aktion gelungen: Sie schafften es, das Filesharing unter dem Namen „Kopimismus“ offiziell als Religion anerkennen zu lassen. Allerdings klappte das nicht auf Anhieb. Erst im dritten Anlauf musste der schwedische Behördenapparat vor dem Philosophie-Studenten Isak Gerson und seinen Mitstreitern kapitulieren: Als diese sogar Formalitäten für Gebet und Meditation vorlegten, konnte die Anerkennung offensichtlich nicht mehr verweigert werden.
Isak Gerson und seine „Glaubensbrüder“ bezeichnen das Kopieren von Daten und deren Weitergabe – das Teilen von Informationen mit anderen also – als heilige Handlung. Auch Informationen an sich sind nach den Satzungen der Kopismus-Kirche heilig; es ist das Recht eines jeden Menschen, Zugang zu ihnen zu haben. „Ctrl-C“ und „Ctrl-V“, die Tastenkürzel zum Kopieren und Einfügen, sind heilige Symbole der Kopimi, der Mitglieder der „Missionarischen Kirche des Kopimismus“.
Im Prinzip tut die „Missionarische Kirche des Kopimismus“ nichts anderes, als von herkömmlichen „Datenpiraten“ als Bürgerrechte angesehene Freiheiten im Umgang mit Daten in den Stand von religiösen Statuten zu erheben: Neben dem unbedingten Schutz persönlicher Daten fordern zum Beispiel der Chaos Computer Club und die Piratenpartei die absolute Freiheit und Zugänglichkeit öffentlicher Daten als bürgerliche Rechte mit Verfassungsrang.
Religionsfreiheit als politisches Instrument
Die Idee, die gesetzlich garantierte Religionsfreiheit in einer Weise zu beanspruchen, an die ihre Väter wohl eher nicht gedacht haben, ist nicht neu: So wurde zum Beispiel in den USA die „Church of Satan“ schon vor längerer Zeit offiziell als Glaubensgemeinschaft anerkannt, weil sie die formalen Kriterien dafür erfüllt.
Der bayerische Liedermacher und Marihuana-Protagonist Hans Söllner versuchte ebenfalls, sich etwas, das er als sein persönliches Recht ansieht, auf dem Weg über die Religionsfreiheit zu erstreiten: Er klagte darauf, als Rastafari Marihuana besitzen und konsumieren zu dürfen, da dies Teil seiner Religion, des Rasta, sei, was allerdings in allen Instanzen scheiterte.
Auch bei den „Kopimi“ um Isaak Gerson spielt der Schutz vor juristischer Verfolgung eine Rolle. Natürlich wird man durch die Mitgliedschaft in der Kopier-Kirche nicht sakrosankt gegenüber den schwedischen Urheberrechtsgesetzen. Eventuelle Sanktionen wegen illegaler Weitergabe von urheberrechtlich geschützten Werken können so jedoch – zumindest satirisch – medial als religiöse Verfolgung dargestellt und die Diskussion über Datenfreiheit in die Gerichtssäle getragen werden. Das ist offenbar auch der Hintergrund der Aktion, die im Übrigen doch auch den Eindruck einer gewissen Verschmitztheit macht, die augenzwinkernd den Staatsapparat mit seinen eigenen Waffen schlägt.
(WY)